Holland und ich

Vor Kurzem hatte ich sozusagen zum zweiten Mal in meinem Leben eine Begegnung mit dem berühmten Text von Emily Perl Kingsley, „Welcome to Holland„. Beim ersten Mal war ich noch nicht Mutter und habe den Text eher aus der Kind-Perspektive gelesen. Jetzt, beim zweiten Mal, lese ich ihn als Mutter eines höchstwahrscheinlich behinderten Kindes (solange ich das noch nicht schwarz auf weiß habe, fühlt sich dieser Gedanke noch nicht ganz real an).

Vorneweg: Ich mag den Vergleich mit der Reise und finde den Text sehr berührend. Gleichzeitig aber finde ich diese Erwartungen, die Eltern an ihre kleinen Kinder stellen, so ungerecht. Irgendwie scheinen viele Menschen ganz selbstverständlich davon auszugehen, dass sie ein komplett gesundes, perfektes, nicht-behindertes Kind bekommen werden, so als ob sie irgendwie ein Recht darauf hätten. Das ist irgendwie verständlich, aber auch ziemlich unfair dem realen Kind gegenüber.

Der Holland-Text ist sehr treffend, denn es ist ja wirklich so: Nach einem kürzeren oder längeren Schockmoment, nicht da gelandet zu sein, wo man dachte, dass man landen wird, orientiert man sich um und macht das Beste draus – oder nicht. Man kann auch wieder abhauen und sich der Situation verweigern. Oder in Holland sitzen und sich ärgern und alle Leute auf Italienisch ansprechen. Es gibt durchaus Menschen, die das tun.

Klar, die meisten (?) Eltern lieben ihr Kind einfach so, wie es ist. Auch, wenn das Kind dann unerwarteterweise eine Behinderung hat. Für manche Eltern scheint es aber echt schwer zu akzeptieren zu sein, wenn ihre Kinder nicht ihren Vorstellungen entsprechen. Nicht nur bei so etwas Einschneidendem wie einer Behinderung, sondern auch, wenn das Kind keinen Fußball mag oder schlecht in der Schule ist oder lesbisch ist.

Aber eigentlich sollte es nicht darum gehen, wo wir Eltern gerne hinreisen wollen. Eigentlich sollen alle werdenden Eltern sich im vollen Bewusstsein auf die Reise begeben, nicht wissen zu können, wo sie landen werden. Eigentlich ist es im Grunde doch immer eine Überraschungsreise, und wir sollten unvoreingenommen aus dem Flugzeug steigen und die Gegend erkunden.

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